22.10.2025:
Würdiges Gedenken an die acht Kirchheimerinnen und Kirchheimer, die vor 85 Jahren nach Gurs deportiert wurden

Wie an vielen anderen Orten Südwestdeutschlands wurde auch in Kirchheim an der Weinstraße am 22. Oktober 2025 der nach Gurs deportierten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gedacht. Im Rahmen einer Gedenkstunde wurde um 11 Uhr in der Weinstraße Süd, nahe dem vermuteten Ort der Deportation, an Leben und Schicksal der Deportierten erinnert und ein Gedenkschild enthüllt.

Vier Frauen, drei Männer sowie die elfjährige Trude Kohlmann wurden am Dienstagvormittag, dem 22. Oktober 1940, allein aufgrund ihres jüdischen Glaubens nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Nur Trude Kohlmann überlebte die Shoa. Die mit ihr deportierten Kirchheimer Karl, Berta, Ludwig und Paula Kohlmann, Barbara und Frieda Levi sowie Siegmund Siegel starben im Lager Gurs oder wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Im Rahmen der Gedenkstunde erinnerte Dr. Arthur Höhn, Initiator der Interessengemeinschaft (IG) Jüdisches Kirchheim, an die über 200-jährige jüdische Geschichte in Kirchheim, an die selbstverständliche Teilhabe jüdischer Familien am dörflichen Leben sowie an ihren Einsatz für die Heimat – nicht zuletzt in den Kriegen von 1870/71 und 1914–1918. „Sie gaben ihr Leben für ihr Vaterland – für Deutschland. Und nur wenige Jahre später wurde ihren Familien das Leben hier so schwer gemacht, dass manche Kirchheim verließen, andere sogar Deutschland. Im Oktober 1940 musste der verbliebene Rest gewaltsam den Ort verlassen.“
Anliegen der Veranstaltung war es, die acht deportierten Menschen nicht nur namentlich zu benennen, sondern ihnen auch symbolisch ihre Würde zurückzugeben und sie wieder in das Bewusstsein der heute in Kirchheim lebenden Menschen zu rufen. Sabine Spieß-Barth, Historikerin, sprach über die Familien, Berufe und die soziale Situation der Deportierten ebenso wie über ihr Leid auf dem Weg durch die verschiedenen Lager – ein Weg, der für alle erwachsenen Deportierten mit dem Tod endete.
Nach einer gemeinsamen Schweigeminute, die auch all jene einschloss, die fern ihrer Kirchheimer Heimat in Lagern ihr Leben verloren, sprach Ortsbürgermeister Thomas Dhonau. Er bedauerte, dass es bislang nicht gelungen sei, im Gemeinderat eine Mehrheit für die Aufstellung des Gedenkschildes zur Deportation nach Gurs im öffentlichen Raum zu finden. In dem Gedenkschild sehe er „ein Zeichen gegen das Vergessen und ein Mahnmal gegen das Wiederholen“.
Vorübergehend wird das Gedenkschild auf dem Grundstück der Familie Hammel am Seiteneingang des Kirchheimer Friedhofs stehen, wofür sich Dr. Arthur Höhn ausdrücklich bedankte. Mit dieser Bereitschaft setze die Familie ein Zeichen des Mitgefühls und der Verantwortung.
Jan Wiese, Mitarbeiter der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt an der Weinstraße, beschrieb in seinem Vortrag anhand von Zeitzeugenberichten die Zustände in der „Hölle von Gurs“ und machte deutlich, warum es heute besonders wichtig ist, Wissen über die Verbrechen der NS-Zeit zu vermitteln. Nicht selten würden im Internet oder selbst bei Anfragen an aktuelle Künstliche Intelligenzen falsche oder verharmlosende Auskünfte über die damaligen Geschehnisse gegeben.
Eberhard Dittus, Beauftragter für die Gedenkstättenarbeit der evangelischen Kirche und der jüdischen Kultusgemeinde, überreichte Ortsbürgermeister Thomas Dhonau einen Koffer mit der Aufschrift „Kirchheim – Gurs – Auschwitz“. Er soll unter anderem daran erinnern, wie wenig die Deportierten damals mitnehmen durften.
Abschließend bedankte sich Dr. Höhn bei den rund 100 Teilnehmenden der Gedenkveranstaltung, von denen sich viele in ein Gedenkbuch eintrugen. Im Anschluss hatte die Familie Hammel zu weiterem Austausch in ihr Weingut eingeladen, wo in kleinen Runden über die zukünftige Erinnerungsarbeit in Kirchheim gesprochen wurde.




Dr. Thomas Dhonau

Gedenkstätte für NS-Opfer
in Neustadt an der Weinstraße

Materialien:
Die Schicksale der Deportierten – Vortrag von Sabine Spieß-Barth
Ansprache von Ortsbürgermeister Thomas Dhonau
Medienberichte über die Veranstaltung
SWR RP Landesschau, Sendung am 22.10.2025: Gedenken an aus Kirchheim verschleppte Juden (ca. 4 Min.)
Die Rheinpfalz v. 23.10.2025: Nach heftigem Streit: Gedenkschild für Kirchheimer Juden enthüllt Weil der Rat es nicht will, kommt ein Gedenkschild für verschleppte Kirchheimer Juden auf Privatgrund. Zur Enthüllung am Mittwoch stand es aber an noch mal anderer Stelle.
Medienberichte im Vorfeld der Aufstellung des Gedenkschildes
Die Rheinpfalz v. 16.6.2025: Bekommt Kirchheim Stolpersteine?
Kirchheim hatte einst eine bedeutende jüdische Gemeinde. Einige stumme Zeugen gibt es noch. Warum ein Bürger mehr an das Schicksal dieser Menschen erinnern will.
Die Rheinpfalz v. 15.7.2025: Verschleppte Kirchheimer: Rat zögert mit Gedenktafel-Beschluss
Ein Schild soll künftig an die Kirchheimer erinnern, die zur NS-Zeit ins Lager Gurs verschleppt wurden. Doch der Rat hat eine Entscheidung mehrfach vertagt.
Die Rheinpfalz v. 14.9.2025: Vom Rat abgelehnt: Kein Gedenkschild für Kirchheimer Juden
In der Dorfmitte wird kein Schild an die Deportation Kirchheimer Juden erinnern, die Ratsmehrheit ist dagegen. Ein FWG-Mann geht deshalb mit seiner Fraktion ins Gericht.
Die Rheinpfalz v. 25.9.2025: Wissenschaftler: Dieser Satz einer Pfälzer Orts-FWG war antisemitisch
Die Kirchheimer FWG hat online einen Beitrag veröffentlicht, dem ein Fachmann „antisemitischen Charakter“ bescheinigt. Wie die Wählergruppe auf den Vorwurf reagiert.
Die Rheinpfalz v. 26.9.2025: Nach antisemitischer Aussage: Gedenkschild wird doch errichtet
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Die Rheinpfalz v. 20.10.2025: Ein Pfälzer Winzer und ein umstrittenes Gedenkschild für deportierte Juden
Kirchheims Rat lehnte ein Gedenkschild für deportierte Juden ab, nun stellt Christoph Hammel es auf eigenen Grund. Was das mit der Familiengeschichte des Winzers zu tun hat.